Ich will offen zu Ihnen sein: Von Beratern, die mit einem Absolutheitsanspruch daherkommen, halte ich nichts. Ganz schlimm sind diejenigen, die plötzlich alles “digitalisieren“ wollen oder dauernd von einer “Papierallergie” reden – alles schon erlebt!

Doch der Reihe nach.

Keiner kennt Ihr Geschäft besser als Sie selbst (vielleicht von Ihrem Steuerberater abgesehen).

Ernüchterung 1

Wenn Ihr Geschäftsmodell im Grundsatz nicht stimmt, dann wird auch die Digitalisierung nicht viel helfen.

Ernüchterung 2

“Digitalisierung” ist nicht neu. Hierbei meine ich nicht nur die digitale Technik, sondern auch die Gedanken an deren allumfassende Auswirkungen. Lesen Sie mal Tom Peters, „Der Innovationskreis“, ist etwa 20 Jahre alt und voll mit konkreten Vorschlägen, die gerade in Deutschland hochaktuell sind (Stichwort “Digitalisierung”). Antiquarisch sind vielleicht noch ein paar Exemplare zu finden. Sie werden glauben, man hätte beim Parteitag 2019 einer beliebigen deutschen Partei (SPD, CDU, CSU, Grüne, Linke) daraus zitiert!

Chance

Diejenigen, die glauben, “ihre Hausaufgaben” schon gemacht zu haben, ohne einen kontinuierlichen Wandel zu implementieren, schlafen jetzt. Zischen Sie vorbei!

Chancen erkennen und nutzen

Der digitale Wandel hat Werkzeuge hervorgebracht und Möglichkeiten geschaffen, die es vorher noch nicht gab, die zu kompliziert und teuer waren oder die Sie eventuell noch nicht kennen. Man kann nicht alles wissen.

Der Kunde entscheidet

Hier sind auch die allerersten Ansatzpunkte für Optimierungen und Veränderungen. Selbst wenn Sie einen Internet-Shop mit tollen Produkten betreiben, hilft es Ihnen wenig, wenn ihr altes, papiergebundenes Warenwirtschaftssystem Ihrer Kundin keinen aktuellen Status ihrer Bestellung übermitteln kann. Sie wird nicht wiederkommen – solange Sie nicht der einzige sind, der metrische Zoll-Schrauben, blinkenden Nagellack oder Raketenantriebe produziert.

Seien Sie radikal und behutsam zugleich!

Schubladendenken hilft genau so wenig wie krampfhaftes Festhalten an Bestehendem.

Sprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern und hören Sie zu!

Niemand (außer Ihnen und vielleicht Ihrem Steuerberater) kennt Ihr Geschäft besser als Sie.

Etablieren sie Veränderung als kontinuierlichen Prozess!

Das, was heute gut ist, nützt morgen vielleicht wenig, verleitet aber zum Festhalten. Wer stillsteht, verschwindet!

Kleine Schritte

Solange es keine anderen Zwänge gibt (der letzte Techniker für Ihren Mainframe ist im Ruhestand), wählen Sie den Weg der kleinen Schritte und setzen Sie Veränderungen stufenweise um. Beziehen Sie Ihre Mitarbeiter ein! Nichts ist schlimmer als Opposition gegen Neuerungen im eigenen Laden.

Seien Sie vorbereitet!

Visualisieren Sie ihr Geschäftsmodell! Sie kennen vielleicht alle Details, aber Ihre Berater nicht. Schaffen Sie die Grundlage für eine gemeinsame Sprache!

Denken Sie nicht in technischen Lösungen – dafür gibt es Experten.

Formulieren Sie lieber, WAS Sie erreichen wollen, und lassen Sie sich Wege zeigen!

Spielen Sie Buzzword Bingo und legen Sie Begriffsdefinitionen an!

Fragen Sie nach! Experten verwenden Begriffe, die nicht jeder versteht, die vielleicht sogar niemand versteht. Falls Präsentationen Definitionen nicht gleich mitliefern, machen Sie dies zum ersten Punkt der Frage-Runde!

Seien sie wachsam!

Wenn in (formalen) Dokumenten plötzlich neue Begriffe eingeführt werden: Fragen Sie nach dem Grund! Meilensteine sollten Meilensteine bleiben und nicht plötzlich „Knowledge Points“ heißen.

Legen sie ein Verzeichnis mit Begriffen und Definitionen an!

(Ja, das ist eine Wiederholung: Es ist wichtig!)

Ich habe einmal in einem internationalen Flugsicherungsprojekt gearbeitet. Wir haben fast alles richtig gemacht, aber nur fast. Alle Beteiligten waren sich einig, dass die Definition “Alert State“ bei sicherheitsrelevanten Situationen die Eskalations-Stufen von 1-3 kennt. Der Fehler war, dass wir stillschweigend vorausgesetzt haben, dass alle beteiligten Nationen die Stufe 1 als die höchste und 3 als die niedrigste angesehen haben. Für ein Land traf das aber nicht zu. Zum Glück haben wir es rechtzeitig gemerkt und es ist nichts passiert.

Denken Sie aus Kundensicht!

Ein ganz schwieriges Thema in Deutschland. Das Internet ist gnadenlos, Bewertungen sind alles – doch wer macht sich die Mühe, eine Bewertung zu schreiben? Jemand, der sich ärgert, eher als jemand, der zufrieden ist. Und der Kunde weiß, was geht – kein Bearbeitung-Update für eine Woche? Geht nicht!

Bauen Sie einen Prototyp

Wenn immer möglich, bauen Sie einen Prototyp (oder lassen Sie bauen). Simulieren Sie das System, noch ist es einfach zu optimieren. Sie werden Schwachstellen finden. Das ist gut! Entwickeln Sie bereits jetzt Teststrategien und Prozeduren für das Endprodukt!

Denken Sie trotzdem “Industrialisierung”

Ihr Prototyp mag eine ‘Bastellösung’ sein und gut funktionieren. Vergessen Sie bitte trotzdem nicht die Anforderungen an ein professionelles Produkt. Es gibt Regelungen, die Eingehalten werden müssen (z.B. DIN/EC,  DSGVO, VDE) und nicht jedes Design eignet sich für industrielle Fertigung.

Nun endlich ein Ansatz einer Definition:

Digitalisierung

In einem anderen Artikel habe ich den Begriff “Digitalisierung” einmal als “Eine Kiste voller Träume!” bezeichnet. Das trifft es immer noch recht gut, denke ich. “Digitalisierung” ist wie “Industrie 4.0” oder “Cyber” ein Modebegriff, der nicht fest umrissen und inzwischen (in Deutschland) mit Erwartungen, aber auch mit Ängsten überladen ist. Gemeint ist wohl die Optimierung, Transformation und Anpassung von Geschäftsmodellen mit all ihren kulturellen und sozialen Nebeneffekten durch digitale Technologien.

Im Rahmen dieses Artikels möchte ich “Digitalisierung” als Einleitung einer Transformation / Veränderung auch, aber nicht ausschließlich mittels digitaler Technologien verstanden wissen.